Von Frauen für Frauen –Frauenkoordinatorin der Begegnungsstube im Interview

Liebe Ayşe, wie kam es eigentlich zu einer Frauenkoordination* bei Medina e.V.? 

Nun es ist so, dass ich als muslimische Frau mit Kopftuch in verschiedenen Kreisen unterwegs bin und den stetigen Rechtsruck in der Gesellschaft immer mehr wahrnehme. Viele haben Vorurteile, haben Angst, stufen mich als tief religiös, fast fundamentalistisch ein und denken in Schubladen. Ich merke immer mehr, dass so viel Aufklärungsbedarf bezüglich der muslimischen Frau, ob kopftuchtragend oder nicht, nötig ist. Das Problem ist, dass man schon viel zu lang über uns spricht, aber eben selten mit uns. Das muss sich ändern! Aus diesem Grund haben wir uns mit den anderen Frauen im Verein zusammengesetzt und uns überlegt, was wir zusätzlich noch machen können. Seit ich denken kann, gibt es hier aktive Frauen, die in der Dialogarbeit und Aufklärungsarbeit sehr gute Arbeit leisten. Wir wollten hier einfach nur eine weitere Anlaufstelle mit einem repräsentativen Gesicht haben, an die sich Interessierte bei Bedarf wenden können. 

Du hast bereits das Thema ‚Aktivitäten‘ angesprochen. Wie entstand denn die Begegnungsstube und in welchen Bereichen seid ihr aktiv? 

Die Begegnungsstube Medina e.V. gibt es schon seit 1995. Wir sind sowas wie Pioniere im Gebiet der Dialogarbeit, also der interkulturellen und interreligiösen Begegnung im Nürnberger Raum. Was uns so von anderen Dialoginitiativen unterscheidet, ist im Grunde unser europaweit einmaliges Begegnungskonzept. Wir sind nämlich gleichzeitig ein orientalisches Museum. Dieses Konzept ist durch die Vision von unserem Leiter Cemalettin Özdemir entstanden. Weil er aus einem multireligiös und multiethnisch geprägten Gebiet im Südosten der Türkei stammt, war es ihm sehr wichtig, der Vielfalt innerhalb der deutschen Gesellschaft Raum und Möglichkeit zu geben. Und was gibt es da schöneres als auf Kunst, Kultur und Geschichte zurückzugreifen? Und so kam es anfangs mit einer Dutzend engagierten und motivierten Menschen zur Begegnungsstube Medina e.V. 

Auch der Vereinsname ist im Grunde selbsterklärend und weist auf unser Hauptliegen: Es sollte ein Raum für Begegnung und Austausch geschaffen werden, sodass man ins Gespräch kommt und endlich anfängt miteinander statt übereinander zu reden. Vor 25 Jahren sahen sich unsere Eltern dazu angehalten, über vorherrschende Missstände innerhalb der deutschen Gesellschaft aufzuklären. Noch immer wird darüber geredet, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder mit dem Grundgesetz zu vereinbaren sei. Dabei sollte das mittlerweile selbstverständlich bejaht werden können. Wir wollen aber auch mehr über andere wichtige Themen sprechen können, die von gesamtgesellschaftlichem Interesse sind, wie Umweltschutz, Tierschutz, Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit u.v.m. Die Dialogarbeit machen wir sehr gerne und sehen sie als unseren Beitrag zur deutschen Gesamtgesellschaft. Als muslimischer Teil der deutschen Gesellschaft versuchen wir uns in so vielen Gemeinnützigkeitsfeldern wie möglich zu engagieren. Und das kommt an!

Es kommt sehr gut an, weil wir darum bemüht sind, einem Dialog an der Basis der Bevölkerung gerecht zu werden. Uns besuchen jährlich an die 10.000 Besuchergruppen. Es kommen Pflegekräfte, Erzieher und Erzieherinnen, Schulklassen, Polizei und Bundeswehr zu uns in den Verein, um sich über den Islam, die Muslime und Besonderheiten im Umgang mit Muslimen aufklären zu lassen. Es findet eine Museumsführung mit Frage-Antwort-Runden statt. Am Ende gibt‘s türkischen Tee und persönliche Gespräche in lockerer Atmosphäre. Wir sind aber auch in verschiedenen interkulturellen und interreligiösen Komitees vertreten und versuchen, auch auf theologischer und theoretischer Ebene die Dialogarbeit weiterzuentwickeln. So ist die Begegnungsstube im Laufe der Jahre ein wichtiger Ansprechpartner von verschiedensten sozialen Einrichtungen, Behörden, der Stadt Nürnberg und anderen religiösen Organisationen geworden.

Das ist in der Tat ein äußerst schönes und einmaliges Konzept. Was kann man sich denn genau unter diesen ‚Gemeinnützigkeitsfeldern‘ vorstellen?

Neben der Dialogarbeit sind wir besonders im Bereich der humanitären Hilfe aktiv. Darunter fallen dann sowas wie Katastrophenhilfe, Hilfe für Bedürftige, Geflüchtetenhilfe oder eben auch Brunnenbauprojekte in Ländern, wo sauberes Trinkwasser keine Selbstverständlichkeit ist. Wir setzen uns auch sehr stark für die Prävention von Rassismus und Extremismus ein und werden von entsprechenden Stellen als Berater und Übersetzer hinzugezogen. 

Außerdem sind wir in der Seelsorge sehr aktiv. Wir werden bei Notfällen angerufen und kooperieren mit verschiedenen Einrichtungen wie Krankenhäusern und Gefängnissen rund um den Nürnberger Raum. Die Seelsorge ist uns aus islamischer Sicht enorm wichtig, denn der Islam ist eine Religion, die zwischen der geistigen und materiellen Welt nicht trennt. Er bietet ein Gesamtkonzept für den Menschen an. Die Welt und der Mensch sind ganzheitlich zu betrachten. Das Menschenbild des Islams kann man also nur dann richtig verstehen, wenn man das Gesamtkonzept des Korans im Hinterkopf behält. Dieses Konzept ist durchdrungen von der Barmherzigkeit und Liebe Gottes. 

113 von 114 Suren fangen beispielsweise mit den Worten „Im Namen Gottes des Allerbarmers, des Barmherzigen“ an. Und wir Muslime lernen sehr früh, dass man diese höchsten Werte der Barmherzigkeit und Liebe mit sich selbst, seiner nächsten Umgebung und seiner Umwelt in Einklang bringen muss. Körper, Geist und Seele müssen aufeinander abgestimmt sein und können nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Genauso, wie das Bemühen um das eigene Wohl, ist auch die Bemühung um das Gemeinwohl aller von größter Bedeutung. Wir versuchen in dieser Hinsicht nach prophetischem Vorbild zu handeln. Muhammad – Friede sei mit ihm – sagte, dass der Beste unter den Menschen derjenige ist, der den Menschen am nützlichsten ist. 

Das Thema Kopftuch ist ja in der breiten Öffentlichkeit sehr umstritten und meist klischeebehaftet. Möchtest du uns erzählen, wie du diese Thematik siehst und wie genau ihr gegen dieses Klischee vorgeht? 

Das Thema Kopftuch ist kein einfaches Thema. Fast jede muslimische Frau wird mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass man regelrecht mit Fragen bezüglich des Kopftuchs bombardiert wird. Damit meine ich wirklich jede muslimische Frau, ob kopftuchtragend oder nicht. Trägt man ein Kopftuch, so wird man darauf angesprochen: „Wieso, weshalb, warum?“, heißt es. Trägt man keins, so heißt es dann: „Sie sind nicht wie diese orthodoxen Musliminnen, Sie sind ja modern und reflektiert“. Was man dabei aus den Augen verliert, ist die Tatsache, dass die muslimische Frau, die sich aus verschiedenen Gründen gegen das Tragen eines Kopftuches entschieden hat, durchaus eine Mutter, Tante oder Schwester in ihrer nächsten Umgebung haben könnte, die eben eins trägt. So haben wir innermuslimisch oft die Erfahrung gemacht, dass Frauen und besonders junge Mädchen zu uns kamen und sich darüber beschwerten: „Wir werden als die ‚modernen’ betitelt und im gleichen Atemzug werden unsere Mütter und Tanten als ‚rückständig’ eingestuft.“  Das führt zu einer inneren Zerrissenheit. Und genau da docken wir als muslimische Frauen an. Wir wollen, dass junge Mädchen und Frauen eine gesunde Bindung zu sich selbst und ihrer Identität aufbauen können, ohne permanent sich selbst aus fremdbestimmten Kategorien heraus betrachten zu müssen. 

Gegen die Klischees gehen wir eigentlich ganz einfach vor, indem wir sind, wie wir sind. In unserem Verein gibt es unzählige muslimische Frauen mit den unterschiedlichsten beruflichen Qualifikationen. Kopftuchtragende muslimische Frauen, die studieren, in Führungspositionen sind oder Berufe ausüben, die in unserer Gesellschaft als typische ‚Männerberufe‘ gesehen werden; aber eben auch Hausfrauen, die sich aus freien Stücken fürsorglich um ihre Familie kümmern, weil sie das so möchten. Im Dialog mit diesen authentischen, selbstbewussten Frauen merken die meisten Besucher eigentlich, dass sie verzerrte Bilder von der muslimischen Frau im Kopf haben. Das klischeehafte Bild wird dadurch geschwächt. Wichtig ist uns einfach, dass jeder offen die Thematik ansprechen kann ohne dabei abwertend zu werden. Wir klären dann gerne auf, erzählen von persönlichen Beweggründen und vom alltäglichen Leben, den Schwierigkeiten in unserer Gesellschaft, aber auch von der spirituellen Seite und davon, wie für viele von uns das Kopftuch ein Segen ist. Den meisten Besuchern wird dann schnell bewusst, dass wir als muslimische Frauen trotz oder sogar wegen des Kopftuchs einen großen Beitrag zur Gesellschaft leisten.

Du hast erwähnt, dass einige Kritiker das Kopftuch als rückständig einstufen und die „unterdrückte“ Frau hinter dem Tuch enttarnen möchten. Dagegen wehrst du dich ganz klar. Was waren deine Beweggründe ein Kopftuch zu tragen und wie stehst zum Diskurs bezüglich der Kopftuchhkritik?

Nun ja, ich bin sunnitische Muslimin. Das Kopftuch ist ein Teil der Bekleidungsvorschriften in meinem Glauben und in keinster Weise ein Symbol der Unterdrückung oder Rückständigkeit. Es ist wie das Beten, Fasten und die Pilgerreise, also eine Pflicht der sunnitischen Glaubenslehre und dieser komme ich nach. Natürlich gibt es auch auf persönlicher Ebene Gründe wie beispielsweise, dass ich mich durch das Kopftuch auf innere Werte konzentrieren kann, nicht zu sehr an Äußerlichkeiten hängen bleibe und mehr an meinem Charakter arbeiten kann. Das sind jedoch Gründe, die jeder für sich selbst irgendwo definiert. 

Uns wurde in der Schule immer beigebracht, dass die Religionsfreiheit ein essentielles Gut einer Demokratie ist und fest im Grundgesetz verankert ist. In einem Land, in der die Religionsfreiheit ein Grundrecht eines jeden Menschen ist, ist es wohl nicht allzu viel verlangt, wenn ich sage, dass das Kopftuch zu meiner Religion gehört. Es maßen sich einfach viel zu viele an, mir dieses Recht abzusprechen. Das ist in keinster Weise demokratisch. Konstruktive Kritik hingegen sehr wohl. Davon lebt die Demokratie. Es ist nun einmal Fakt, dass es in Deutschland auch Strömungen gibt, die der Auffassung sind, dass das Kopftuch kein islamisches Gebot sei und sich gegen ein Kopftuch aussprechen. Ihre Auffassung ist von der Meinungsfreiheit abgedeckt und das ist in Ordnung. Was nicht in Ordnung ist, ist der Versuch die eine Meinung der anderen überzustülpen oder als die „progressivere“ Variante darzustellen. 

Im deutschsprachigen Diskurs finde ich es sehr interessant zu beobachten, dass Menschen, die sich als Islamkritiker wahrnehmen und Menschen, die aus dem Islam ausgetreten sind zu Islamexperten und Islamsprechern ernannt werden. Ihre Ablehnung der religiösen Gebote wird dann als fortschrittlicher Islam kundgetan. Somit entsteht der Eindruck, dass alles andere eben rückständig ist. Das wiederum hat schwerwiegende Folgen auf das Alltagsleben von Muslimen, die ihrer religiösen Pflicht nachgehen und erschwert die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft. Stell dir mal vor, man würde verlangen, das Weihnachtsfest ab jetzt auf den 6. Januar festzulegen, weil mehrere selbsternannte orthodoxe „Christentumexperten“ oder „Katholizismuskritiker“ so eine Aussage treffen und gleichzeitig allen Katholiken und Protestanten Rückständigkeit unterstellen. In Bezug auf die Auslegung religiöser Gebote wünsche ich mir einfach, dass sich Experten mit einem fundierten theologischen Wissen zu der Thematik äußern, damit sich eine faire Diskussionskultur etabliert, die essentiell für unsere pluralistische Gesellschaft ist. 

Eine abschließende Frage hätte ich noch: Was sind deine Vorschläge und Wünsche für die Zukunft in Bezug auf muslimische Frauen, der Demokratie und gleichberechtigten Teilhabe in der Gesellschaft? Was muss sich ändern, was muss gefördert werden?

Ich halte es für unabdingbar, dass man das Grundgesetz standhaft auf alle Mitbürger anwendet – und zwar auf jegliche Minderheiten und natürlich auch auf Muslime. Ich möchte in meiner Heimat leben können ohne diskriminiert zu werden. Es ist essentiell, dass muslimische Frauen die Deutungshoheit über ihr Leben und ihre Lebensweise zurückerlangen. Viel zu lang hat man durch öffentliche Debatten das Thema um die muslimische Frau zu einer regelrechten Obsession hochgeschaukelt. Weiblich, muslimisch, rückständig und feindlich. Bevor sich diese Schlagworte nicht in weiblich, muslimisch, offen und friedfertig ändern, wird eine gleichberechtigte Teilhabe nicht ganz möglich sein. Anfangen könnte man bei der medialen Darstellung der muslimischen Frau bzw. des muslimischen Glaubens allgemein. Eine muslimische Talk-Show-Moderatorin wäre ein sehr interessantes Bild. Ich frage mich, ob man weiterhin so über die muslimische Frau reden könnte, wie man es bis heute getan hat, wenn sie einem direkt gegenübersitzt und in die Augen blickt. 

* Die Frauenkoordinationsstelle wurde im Rahmen des Projekts fem4dem ins Leben gerufen und hat die Sichtbarmachung der Vereinsakteurinnen zum Ziel

#Interview von Leylak

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